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BLOG FRIDAY mit Marie S. Ueltzen

Paula Modersohn-Becker Kunstpreis 2020: Sonderpreisträgerin des PMB Kunstpreis 2020

Die Jury entschied sich für Marie S. Ueltzen als Sonderpreisträgerin, weil sie in ihrem Schaffen mit der Verbindung von Malerei, Text und Stickerei eine unverwechselbare Spur auslegt – weil sie einen Sonderweg geht. Mit ihrer attraktiven Farbigkeit, ihren Bilderzählungen und vor allem der vermeintlich harmlosen Stick-Technik stellt die Künstlerin auf diesem Weg jede Menge Fallen auf. Wer in die Bilder von Marie S. Ueltzen hineintappt, dem offenbart sich Knirschendes, Schräges. Verhandelt werden starke Gefühle und Missstände, dabei große gesellschaftliche Themen, die sich im Alltäglichen spiegeln.

Jurorin Dr. Annett Reckert zur Sonderpreisträgerin Marie S. Ueltzen
Porträt der Worpsweder Künstlerin Marie S. Ueltzen
Die Sonderpreisträgerin Marie S. Ueltzen vor ihrem neuen Werk Visitor in der Großen Kunstschau
Marie S. Uelzen, OUR TROUBLES ARE SMALL, 2012, Sticktwist, Aquarellfarbe, Leinen, 26 x 17 cm, Courtesy of Galerie KW/RANDLAGE, Foto: © Volker Schwennen

Marie S. Ueltzen kommt aus der Malerei. Sie ist eine sehr vielseitige Persönlichkeit, war zunächst als Schauspielerin für Kurzfilme und ist seit einigen Jahren auch als Schriftstellerin tätig. Schon bei ihrem Frühwerk lässt sich beobachten, dass eine plane Fläche der Künstlerin nicht reicht. Wie bei einer Bühnenkulisse bindet sie Pappen als zweite Ebene in ihre Malerei ein. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln entdeckt Ueltzen den sogenannten Klosterstich für sich. Diese Form der Stickerei zählt zu den weiblichsten Kulturformen. Gelehrt wird die Technik noch heute im Kloster Mariensee.

Das textile Element verleiht der Malerei die Möglichkeit, Oberflächen ganz anders darzustellen. Wenn Ueltzen beispielsweise einen verletzten Hund zeigt, ist das flauschige, schützende Fell aus textilen Fasern. Das freiliegende Fleisch wird durch Acrylfarben dargestellt, durch die an einigen Stellen das Leinen des Bildträgers durchschimmert. Besser lässt sich Verletzlichkeit über Material nicht darstellen. Ueltzens Arbeiten behandeln große gesellschaftliche Themen, die sich im Alltäglichen spiegeln. Mit Humor und Tiefe löst sie komplexe Fragestellungen und Probleme unseres Alltags und regt die Betrachtenden zum Nachdenken an.

Interview mit Marie S. Ueltzen

Marie, du bist Künstlerin, Autorin und Schauspielerin. Das zeigt sich besonders in deinen frühen Werken. Sie sind wie Film Stills, die exakt im richtigen Moment eingefroren wurden. Der Betrachter kann die Handlung davor erfassen und sich den weiteren Verlauf mit seiner Phantasie ausmalen. Inwiefern hat die Schauspielerei deine Kunst beeinflusst?
Marie S. Ueltzen, Interview mit einer Frau mit
sichtbarem Gehirn
, 2011, Stickerei mit Schurwolle, Acryl, Jute, 190 x 140 cm, Courtesy of Galerie KW/RANDLAGE, Foto: © Volker Schwennen

Der Mensch ist facettenreich. Meine Objekte/Handlungen/Schriften stellen jeweils Bestandsaufnahmen des menschlichen Daseins dar. All unsere Versuche, das Vorübergehende, unser Wieder-gehen-müssen auszuhalten, dekorieren wir mit dem Blick auf das vermeintlich Höhere, unsere Hoffnungen übertragen wir dabei auf andere. In anspruchsvollen Filmen gibt es für mich immer wieder »die eine Szene«, die als Essenz für unser menschliches Daseins-Drama zu stehen scheint. Auch in der Literatur, in der Musik, in der Wissenschaft, im Weltgeschehen gibt es diese Momente, oder direkt nebenan.

Der Hund als Motiv ist ein treuer Begleiter für deine Arbeiten. Ein wiederkehrendes Attribut in deiner Unendlichen Serie ist der kleine goldene Partyhut. Donald Trump, das blutüberströmte Verbrecherduo Bonnie & Clyde und die tote Frau in Our Troubles Are Small tragen goldene Partyhüte. Welche Bedeutung hat der Hund für dich und was hat es mit dem Hütchen auf sich? 

Warum halten Menschen Hunde? Wir sehnen uns nach einem treuen Begleiter. Nach einem, der bleibt, wenn alle gehen, der Krankheiten erschnüffelt, bevor diese ausbrechen, einem, der bedingungslos liebt und folgt. Nach einem, der all das bekommt, das wir für uns selbst brauchen: Aufmerksamkeit, Zuwendung, Güte, Verbindlichkeit und Konsequenz. Hier steht der Hund für Treue zu mir selbst.

Der Partyhut kommt immer dann zum Einsatz, wenn schon alles gegen die Wand gefahren ist und es noch schlimmer kommen könnte. Und man währenddessen Freunde trifft, Gleichgesinnte, mit denen man lacht und weint und trinkt und feiert, weil man sonst an Schwermut sterben würde – auf der Stelle. Mit goldenem Partyhütchen auf dem Kopf und einem Glas Crémant in der Hand kann man eine Weile zusammen mit anderen die Zeiten des Zwischenschmerzes überstehen. Bonnie & Clyde hielten bis zum erwarteten bitteren Ende zusammen. Donald Trump trägt übrigens ein Kinder-Party-Hütchen ganz für sich allein: da ist kein Gold, kein Glamour, keine Poesie. Da sind keine Freunde. Hier ist ein reiches, trotziges, ungebildetes Kleinkind zu sehen, das nur sich selbst feiert – allerdings mit Weltmacht.

In einigen Arbeiten setzt du dich mit Themen wie Angst und Grausamkeiten auseinander. Welche Rolle spielt die Wahl der Formate für das jeweilige Kernthema und wie kam es zu der abstrakteren Arbeit Blank?

Die kleineren Arbeiten entstehen als Abfolge in einer Art »Wahnsinnige-Menschheit-Poesiealbum« in Endlosschleife. Durch das Internet haben wir Zugang zu allen erdenklichen Informationen. Hier wähle ich persönlich aus, und nichts ist zu schlimm: als Weltkunde, als Moritaten-Show, als Sittengemälde der Menschheit unabhängig von Zeit und Raum. Alles ist hier gleichzeitig zu finden wie in einer großen Bibliothek, unserem kollektiven Kreaturen-Gedächtnis. Und dann braucht es die großen Schreck-Bilder, die bei erheblicher Betroffenheit entstehen. Je wütender und/oder verzweifelter und/ oder angeregter, desto lauter, desto gewaltiger geraten sie. Mit Blank versuchte ich darzustellen und auszuhalten, wie ich meine Kontrolle verliere. Ich ließ mich von meiner Angst treiben und vom Material – ausnahmsweise ohne Plan.

Marie S. Ueltzen, Blank, 2019, Stickerei mit Schurwolle, Acryl, Jute,
200 x 200 cm, Courtesy of Galerie KW/RANDLAGE, Foto: © Volker Schwennen
Die Arbeit 230320 zeigt ein gewachsenes Beziehungsgeflecht, in dem durch Überlappungen alles mit allem zusammenhängt. Viele gemeinsame Schnittmengen ergeben ein in sich geschlossenes Gesamtgefüge. Gleichzeitig erinnert die Darstellung an eine Petrischale, in der eine Bakterienkultur unter dem Mikroskop betrachtet wird. Wie lässt sich die Arbeit deuten?

Petrischale als Bild gefällt mir. Genau so oder anders. Ich hoffe, wie immer, dass sich die Betrachtenden während der Beschäftigung mit dem Werk Fragen stellen, die sie sich dann selbst oder im Dialog mit anderen beantworten müssen.

Marie S. Ueltzen, 230320, 2020, Stickerei mit Schurwolle, Acryl, Jute, 200 x 200 cm, Courtesy of Galerie KW/RANDLAGE, Foto: © Volker Schwennen
Für den Paula Modersohn-Becker Kunstpreis hast du extra eine neue Arbeit gefertigt. Worum geht es dabei und wie viel Zeit benötigst du für einen Bildteppich in diesem Format?

Die Stickerei hierfür dauert in der Regel schon ein paar Monate, das kommt auf die zu füllenden Flächen an und ob ich kontinuierlich an einem oder mehreren Werken arbeite. Visitor ist das Abbild dessen, was einen Besuchenden ausmacht: Er betrachtet. Dieser Besuchende hofft, anderswo das zu finden, was er selbst nicht hat. Er begutachtet die Befindlichkeiten des Vorgefundenen oder sucht nach dem Gleichen in der Fremde. Angetrieben von der Sehnsucht, in eine Gegend zu kommen, wo es vielleicht schöner, wärmer, geselliger, einsamer ist, reist er, um zu erforschen.

Woanders als zuhause ist dieser Besuchende ein anderer und glaubt, das abbilden zu können, was er sonst nicht sein kann oder darf. Und auch die Gastgebenden sind so, wie sie in den Augen des Besuchenden scheinen und nur für die Frist eines Besuches können sie so sein. Der Besuchende hofft, anderswo mit neuen Augen betrachtet zu werden – wie von Frischverliebten – und begehrt selbst, sich zu verlieben in das Neue. Manchmal bleibt er hierfür eine Weile und fügt sich ein in das Bild der woanders Lebenden, bildet mit diesen eine neue verheißungsvolle Gruppe. Und gegenseitig erkennt man sich in der beiderseitigen Sehnsucht und hofft auf ein bleibendes Beieinander, wie schon so oft zuvor. An diesem Fleck, wo der Besuchende nicht wohnt, wo er ein anderer sein wird. Dahin sehnt er sich und schafft sich auf diese Weise einen Platz, den es real gar nicht geben kann: den Sehnsuchtsort.

Denn glaubt man, einen solchen Ort gefunden zu haben und bleiben zu können, ist dieser bald durch das, was wir als Besuchender im Übergang zum Bewohnenden durchleben, nicht mehr vorhanden. Denn das Ziel der Sehnsucht ist immer das Andere, das eigentlich Unerreichbare. Und so wandert die Vorstellung zu einem anderen Ort, nach dem es sich sehnen lässt. Oder der Besuchende sehnt sich dahin zurück, woher er gekommen ist. Oftmals verbleiben die Sehnsuchtsorte in der Erinnerung wie eine unerfüllte Liebe oder als wunder Rest eines unfreiwillig abgebrochenen Sommerurlaubs. Wirkliche Besuchende bleiben nicht. Vielleicht hinterlassen sie Spuren oder sogar eine Lücke.

Du möchtest mehr Einblicke in die Ausstellung zum Paula Modersohn-Becker Kunstpreis 2020 bekommen? Die Online-Kuratorenführung gibt es auf unserem YouTube-Kanal.

Einführungstext und Interview: Gesa Jürß, Worpsweder Museumsverbund

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