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BLOG FRIDAY mit Cihan Cakmak

Paula Modersohn-Becker Kunstpreis 2020: Nachwuchspreisträgerin des PMB Kunstpreis 2020

Die Fotografien von Cihan Cakmak haben etwas Zartes und Anrührendes. Zugleich sind sie rebellisch und extrem subjektiv – obwohl sie leise sind, bewegen sie. In den Arbeiten geht es in einer spürbar persönlichen, existentiellen Weise um die Auseinandersetzung mit Unterdrückung. Ein kleines Buch unter den Bewerbungen zum Nachwuchspreis hinterließ bei allen Jurymitgliedern einen tiefen Eindruck, die Jury fand zu der Überzeugung, dass in dem Ansatz von Cihan Cakmak ein hohes künstlerisches Potential für die Zukunft liegt.

Jurorin Dr. Annett Reckert zur Nachwuchspreisträgerin Cihan Cakmak
Einblick in die Ausstellung im Barkenhoff, Foto: © Jörg Sarbach/Worpsweder Museumsverbund

Die Nachwuchspreisträgerin Cihan Cakmak hat die ersten Jahre ihrer Kindheit in der Gemeinde Worpswede verbracht. Als Tochter kurdischer Migranten ist Cakmak aus den einengenden familiären Strukturen ausgebrochen und hat sich für ein selbstbestimmtes Leben entschieden. Häufig impliziert der Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung einen Bruch mit Traditionen, Kulturen oder Religionen. Mit der Wahl eines neuen, modernen Lebensmodells geht oft auch eine Loslösung von der Herkunftsfamilie einher. Verstecken wird lange Zeit Teil des Alltags. Der Neuanfang ist mit Sprachlosigkeit und Schmerz verbunden. Mit der erkämpften Freiheit und der nun möglichen Selbstverwirklichung geht auch die Suche nach einer neuen Identität einher.

Bildsprache und Kernthematik ihrer fotografischen Serien haben eines gemeinsam: Es geht um Emotionen, die sich nicht in Worte fassen lassen. Schmerz und Sehnsucht sind dabei ein verbindendes Element. Cihan Cakmak versteht es mit ihren Fotografien, tiefen Emotionen eine stille Sprache zu verleihen. Derzeit studiert sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und wird voraussichtlich im Winter 2021/22 ihr Studium abschließen. Bemerkenswert ist, dass sie bereits vor Abschluss ihres Diploms an großen Gruppenausstellungen mit namhaften Größen der Fotografie in renommierten Kunstinstitutionen beteiligt ist.

Interview mit Cihan Cakmak

Cihan Cakmak, Aus der Serie: I translucent, 2017, Serie aus 30 Fotografien
Als Mädchen mit kurdischem Migrationshintergrund hatten Sie nicht das familiäre Umfeld, in dem Sie sich als Frau – aber auch als Künstlerin – hätten frei entfalten können. Wann haben Sie begonnen, sich für Fotografie zu interessieren und woher kam der kreative Einfluss?

Ich denke, es war genau deshalb ein Drang. Meine Eltern hatten sehr viel mit analogen Kameras unsere Kindheit fotografiert, ich fand das extrem spannend. Wie sie uns zu fünft manchmal nebeneinander gereiht haben oder welche Kleidung wir anhatten. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich dadurch an etwas festhalten konnte. Erinnerungen waren in meiner Kindheit ein sehr wichtiger Teil meiner Eltern, also deren Erinnerungen an die Türkei. Jedoch wollte meine Mutter nicht, dass ich meine Kamera mit rausnehme, weil die Leute schlecht über mich reden könnten. Völlig zwischen zwei Welten lebend. Das Innere will sich immer nach außen kämpfen, manche lenken sich durch Rausch ab oder hören schlichtweg nicht auf sich und sind dauerhaft erstarrt.

Es war wie eine extreme Neugier, was da draußen sein könnte; ich war so gespannt und energetisch, ich konnte quasi nicht anders, als zu machen. Der Einfluss kam vor allem durch die Grundschule Hüttenbusch, meine Lehrerin hat meine Begeisterung für das Malen sehr unterstützt. Die Art von Support, wie viele es von ihren deutschen Eltern kennen, kam nie. Meine Eltern hatten andere Nöte. Ich habe auf dem Weg hierhin extrem viele unterstützende Menschen, mal intimer mal weniger, getroffen – vor allem Freunde, die mich gesehen haben und in die richtige Richtung geschoben haben. Am Ende glaube ich: Das hat meiner Psyche geholfen, nicht durchzudrehen.

Wenn man in Ihre Biografie und Ihre fotografischen Fragestellungen eintaucht, hat man als Leser*in und Betrachter*in das Gefühl, den Prozess einer Metamorphose zu begleiten. Sie sind wie eine Raupe, die von außen in einen Kokon gesponnen wurde und sich in einem kräftezehrenden Wandlungsprozess aus einer ihr auferlegten Hülle freigekämpft hat. Was bedeutet es für eine (kurdische) Frau, ein selbstbestimmtes Leben zu führen?
Cihan Cakmak, Aus der Serie: I translucent, 2017, Serie aus 30 Fotografien

Schöne Metapher, die ich mal weiterspinne: als ich ca. sechs/ sieben Jahre jung war, habe ich mal einen gelben Schmetterling in einem Schraubglas eingefangen, in der Nähe von unserem Haus in Heudorf. Sehr idyllisch. Mit Pferden und Wald. Ich habe ihn mit nach Hause genommen und im Zimmer fliegen lassen. Dann habe ich mich plötzlich extrem schlecht gefühlt und gedacht: »Nur weil ich den schön finde, kann ich den nicht hier festhalten«. Wie Sie lesen können, bin ich ein Stück weit »freidenkend geboren«, in einem völlig nicht zu mir passenden Umfeld. Als Frau kurdischer Eltern ist es extrem schwer, ich habe stark mit Gegenwind zu kämpfen, nicht nur von der Familie aus, sondern auch von meinen deutschen (männlichen) Kollegen. Der Wert eines Menschen ist nicht in allen Köpfen gleich, vor allem, wenn man keine bekannten Beispiele dieser Art von Künstler*innen hat. Umso wichtiger finde ich es, sichtbar zu sein. Es ist jedoch auch extrem anstrengend, immer im Hinterkopf zu haben: Da draußen gibt es Menschen, die wollen mich so nicht sehen.

Ich bin irgendwo ein völlig normaler Mensch. Aber leider werde ich oft exotisiert, nicht verstanden, deshalb: Ich sehe das als eine Art Aufgabe, anderen (jungen) Frauen ein Vorbild zu sein. Es bedeutet aber auch, in stetiger Angst und zerfressen von Schuldgefühlen zu leben. Es ist ein langwieriger Prozess, ich bin sehr ungeduldig in vielen Dingen, aber bei dieser Sache weiß ich, ich werde ständig im Wandel sein. Dies bedeutet aber auch, kein richtiges Zuhause zu haben. Ich bin also auf mehreren Ebenen entwurzelt. Wie bei allem hat das aber auch mehrere Seiten, das passt wiederum zu meinem Charakter, das stetige Unterwegssein. Da kommen wir auch zu dem Wandlungsprozess zurück. 

Sie erzählen mit Ihren Fotografien Geschichten, Ihre eigenen aber auch die Geschichten anderer. Die ganze Geschichte hinter dem Bild erzählen Sie jedoch nicht. Ihre Arbeiten schweigen und schreien gleichzeitig. Was hat das zu bedeuten? 

Zum einen ist das mein Gefühl. Gleichzeitig möchte ich die Menschen schützen – denn gerade das »zu viel nach außen zeigen« kann bei einigen lebensbedrohlich werden. Bei mir selbst bin ich freier und trage selbst die Verantwortung dafür, was und wie viel ich preisgebe. Zudem hat das zu viele Erzählen meist einen faden Beigeschmack. Heutzutage will jeder seine Meinung zu allem dazugeben, ohne Ahnung von der Thematik zu haben oder gar Erfahrung. Ich finde das unangenehm. Das macht manchmal diese sensiblen Gefühle kaputt. Das sind Störgeräusche. Am liebsten würde ich manchmal gerne still und leise irgendwohin verschwinden, aber ich weiß, dass das keine Lösung ist und die Thematik zu intensiv ist, und man drüber reden muss, aber da Reden nicht reicht, der Schrei.

Cihan Cakmak, Aus der Serie: I translucent, 2017, Serie aus 30 Fotografien
»Translucent« bedeutet so viel wie lichtdurchlässig werden. Was hat es mit dem Titel auf sich? Und was verbirgt sich hinter der 2019 entstandenen Serie When we leave?

Oder auch halbdurchlässig. Es heißt genau das, was ich in der vorherigen Frage schon beschrieben habe: Schau, das bin ich, hier bin ich. Aber komm bitte nicht zu nah. Der Rest wird sich nicht durchsieben. Nicht jetzt. Ich hingegen habe mich selbst mit When we leave durchlässiger gemacht. Ganz schön nervlich belastend, aber notwendig. Da geh ich raus in die Welt und denke, »wow, was gibt es da wohl, ist bestimmt alles super toll«, und ich lasse die Wunden in Bremen: Nein. Im Gegenteil werden sie im Kontrast sichtbar, wenn wir gehen.

Cihan Cakmak, Aus der Serie: I translucent, 2017, Serie aus 30 Fotografien
An welchem Projekt arbeiten Sie aktuell? Worum geht es und gibt es bereits weitere Ausstellungspläne für 2021?

Eine noch weitere Intensivierung: Traumata. Warum bin ich so wie ich bin? Und warum ist das Ganze speziell auf meine Person bezogen mit den kurdischen Wurzeln sogar politisch? Ich bin nicht wütend auf die Familie, in die ich geboren wurde, sondern auf das System und die Menschen, die einfach zusehen und zu feige sind, um was zu sagen oder zu tun. Damit meine ich jegliche Herkunft. Kultur, Tradition und Religion scheint mir hier eine Ausrede für alles. Mein Leben, das Leben meiner Mutter und vor allem das Leben vieler junger Mädchen hätte auch mit weitaus weniger Schmerz verbunden sein können. Ich stelle in München im DG Kunstraum u. a. mit Valie Export, Thomas Ruff und Rineke Dijkstra aus. In Dresden zum Thema Künstler*innen Portraits, ist alles noch im Prozess. Die Gruppen-ausstellung »fragments from now«, die gerade in der Bundeskunsthalle zu sehen ist, wird eine dritte Station in Halle an der Saale bekommen, weil sie so gut ankam und unfassbar den Zeitgeist trifft.

Unter den Nachwuchspreisträger*innen waren bereits einige Künstler*innen, deren Künstlerkarriere sich anschließend sehr positiv entwickelt hat. Welchen Traum oder Wunsch haben Sie für Ihre eigene fotografische Laufbahn? Wo darf die Reise hingehen?

Ich möchte gerne in noch größeren Häusern ausstellen. Vielleicht im Guggenheim Museum in New York. Und vielleicht in zehn bis zwanzig Jahren selber lehren. Mindestens einen Film drehen. Am meisten will ich, dass Menschen sich meine Arbeiten ansehen und sie ein neues Gefühl spüren und es in sich reinlassen können. Oder manche sich selbst wiedererkennen und sich ein Stück weit weniger einsam fühlen.

Du möchtest mehr Einblicke in die Ausstellung zum Paula Modersohn-Becker Kunstpreis 2020 bekommen? Die Online-Kuratorenführung gibt es auf unserem YouTube-Kanal.

Abb. oben: Einblick in die Ausstellung in der Großen Kunstschau, Foto: © Jörg Sarbach/Worpsweder Museumsverbund

Einführungstext und Interview: Gesa Jürß, Worpsweder Museumsverbund

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