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BLOG FRIDAY mit Laurenz Berges

Paula Modersohn-Becker Kunstpreis 2020: Nominiert in der Kategorie Hauptpreis

Der Düsseldorfer Fotograf Laurenz Berges (*1966 in Cloppenburg) war Assistent von Evelyn Hofer und Student und Meisterschüler von Bernd Becher. Maßgeblichen Einfluss auf seine Arbeit hatte allerdings die langjährige Freundschaft zu dem 2014 verstorbenen Fotografen Michael Schmidt. Berges konzentriert sich ganz auf die Farbfotografie und arbeitet seit vielen Jahren mit einer Plattenkamera. Diese sehr große und schwere analoge Kamera fordert eine äußerst exakte und entschleunigte Arbeitsweise: Jedes Foto muss sitzen.

Interview mit Laurenz Berges

Laurenz Berges, Potsdam VII, 1994, 63 x 72 cm
Sie gehören zur Düsseldorfer Schule, sind also ehemaliger Becher-Schüler, und arbeiten überwiegend im dokumentarischen Stil. Ein Stilmittel der Bechers war die Plattenkamera, die eine sehr exakte und entschleunigte Arbeitsweise fordert. Mit welcher Kamera arbeiten Sie, welche Rolle spielt das Licht für Ihre Fotografie und wer hatte neben Bernd und Hilla Becher einen entscheidenden Einfluss auf Ihre künstlerische Arbeit?

Das Studium bei Bernd Becher war die letzte Station meiner Ausbildung, vorher und z. T. parallel habe ich in Essen an der Folkwang Schule studiert, und der frühe, in der Assistenzzeit bei Evelyn Hofer in New York entstandene freundschaftliche Kontakt war ein wichtiger Impuls für mich. Während der Arbeit an den Kasernen in Ostdeutschland in den frühen 90er Jahren entwickelte sich die Freundschaft zu Michael Schmidt, der mich sehr in meiner Arbeit unterstützt hat. Insofern bin ich mit dem Begriff Düsseldorfer Schule/Becher-Schule etc. nicht glücklich, da eben wichtige Teile fehlen.

Über die Jahre ist mein Kameraformat immer größer geworden, jetzt arbeite ich schon sehr lange mit einer Plattenkamera, mühsam und schwer, aber für meine Zwecke die Richtige. Das Licht ist entscheidend, das gilt aber nach meiner Auffassung für jede gelungene Fotografie, auch dann, wenn das Licht nicht offensichtlich zum Thema gemacht wird.

Als Assistent von Evelyn Hofer in New York haben Sie einen bestimmten Arbeitsprozess übernommen. Welche Arbeitsschritte sind für Sie erforderlich, bevor ein Ort zum Motiv wird?
Laurenz Berges, Welzow I, 1993, 62 x 73 cm

Evelyn Hofer hat ja in Einzelbildern gearbeitet, die dann manchmal zu einer Serie oder Reihe wurden. Jedes Bild bei ihr steht für sich und benötigt nicht unbedingt die Eingliederung. Sie ist ja sogar zwischen Farbe und S/W hin und her gesprungen, je nachdem, wie sie Schwerpunkte setzen wollte. Mir ist kein*e Fotograf*in bekannt, die/der so früh (50/60er Jahre) dieses Arbeitsprinzip hatte.

Ich konzentriere mich ganz auf die Farbfotografie, ich habe den Eindruck, durch die Farbe mehr in der Zeit zu stehen. Die Themen, die ich in den letzten Jahrzehnten bearbeitet habe, erschließen sich nicht durch wenige Bilder. Dadurch, dass ich so tief einsteige, möchte ich die Intensität und Bedeutung der Orte unterstreichen und der Sache gerecht werden. Orte öfters aufzusuchen, ermöglicht eine umfassende Erfahrung, die sich dann in den Bildern widerspiegeln soll.

Um ein Projekt fünf, zehn oder mehr Jahre intensiv zu verfolgen, muss das Thema eine starke Faszination ausüben. Wie kam es zu Ihrem Projekt über die verlassenen Kasernen der Sowjetarmee in Ostdeutschland? Was genau fasziniert Sie an diesem verlassenen Ort?

Als 1990 die Chance bestand, Ostdeutschland frei und ohne Genehmigung zu bereisen, bin ich auf die ersten Kasernen gestoßen. Für mich waren das besondere Orte, hier spiegelt sich auf mehr oder weniger direkte Art und Weise deutsche Geschichte wieder. Diese Orte waren ein Erlebnis, ja eigentlich waren es kleine Städte, die plötzlich unbewohnt waren. In der Ärmlichkeit der Räume und beim Betrachten der Details konnte ich Rückschlüsse auf die Lebensumstände der ehemaligen Bewohner ziehen. Als besonders berührend empfand ich die Ausgestaltung der Räume. Da die meisten Gebäude aus Kaiserzeit bzw. der Zeit des dritten Reiches stammten, bekamen die Gebäude und Räume durch die Umgestaltung einen besonderen Charakter. Die Zeitenwende der 90er Jahre verdichtete sich dort auf eine ganz eigene Art.

Laurenz Berges, Potsdam II, 1994, 62 x 73 cm
Sie dokumentieren verlassene, menschenleere, verwitterte Räume, Orte und Plätze und konservieren somit ein Stück Geschichte. Die Stadt Duisburg hat eine sehr bewegte Vergangenheit und zählt aus heutiger Sicht nicht unbedingt zu den schönsten Städten Deutschlands. Was macht für Sie als Fotograf und Düsseldorfer den Reiz an Duisburg aus?

Duisburg hat Charakter und es sind oft noch die Spuren seiner Geschichte zu erkennen. Die direkte Anbindung an den Rhein, der dort andere Dimensionen als in Düsseldorf hat, der Hafen und die noch vorhandene Industrie prägen die Stadt in weiten Teilen. Die Geschichte der Entwicklungen des 20. Jahrhunderts lassen sich dort ablesen.

Das Phänomen der sogenannten Lost Places übt auf immer mehr Menschen eine Anziehungskraft aus. Online-Communities sammeln verlassene Orte und stellen Informationen im Netz zur Verfügung. Rechtlich bewegt man sich beim Betreten der Ruinen und Immobilien jedoch schnell in einer Grauzone. Wie finden Sie Ihre verlassenen Orte, und wie aufwendig ist es, als Künstler eine Fotogenehmigung zu bekommen?

Die erste Kaserne nördlich von Berlin habe ich bei meinen Reisen durch Ostdeutschland gefunden und mich dann entschieden, mich darauf zu konzentrieren. Ähnlich war es nach dem ersten Besuch von Garzweiler. Explizit verlassene Orte habe ich in meinen Arbeiten über die Kasernen und in der Arbeit über die Dörfer im Tagebaugebiet aufgesucht. Mit dem Buch Etzweiler, das 2005 erschienen ist, war das bis auf Weiteres abgeschlossen. Bei der ersten Arbeit war es recht mühsam die Genehmigungen zu erhalten, bei dem zweiten Projekt war das meist nicht notwendig.

Du möchtest mehr Einblicke in die Ausstellung zum Paula Modersohn-Becker Kunstpreis 2020 bekommen? Die Online-Kuratorenführung gibt es demnächst auf unserem YouTube-Kanal.

Einführungstext und Interview von Gesa Jürß, Worpsweder Museumsverbund

Abb. oben: Einblick in die Kunstpreis-Ausstellung in der Großen Kunstschau, Foto: © Jörg Sarbach/Worpsweder Museumsverbund; Für die Arbeiten von Laurenz Berges gilt: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020.

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