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Interview mit Gabriela Oberkofler

Der Barkenhoff ist der historisch vielschichtigste Schauplatz unter den Worpsweder Kunstorten. Heinrich Vogeler verwandelte eine Bauernkate nach 1895 in ein Gesamtkunstwerk des Jugendstils. Hier fokussierte sich das Leben der Künstlerkolonie, hier war zugleich die Schnittstelle zur Welt.

Der Erste Weltkrieg veränderte alles. Aus dem Gesamtkunstwerk wurde ein Ort des gesellschaftspolitischen Experiments. Vogeler gründete eine Arbeitskommune zur Verwirklichung seines Ziels einer klassenlosen Gesellschaft. Das gesamte Gelände des Barkenhoff wurde extensiv landwirtschaftlich genutzt, um die neue Gemeinschaft zu versorgen. Nachbar war Leberecht Migge, einer der wichtigsten Landschaftsarchitekten und -theoretiker des 20. Jahrhunderts, der in Worpswede mit seinem ›Sonnenhof‹ das Modell eines Selbstversorgergartens aufbaute. Und in den 1930er Jahren wurde der Barkenhoff mit dem Landschaftsgärtner Max Karl Schwarz zum Gärtnerhof für biologisch-dynamische Landwirtschaft.

Die Ausstellungsansicht zeigt das Werk Lebenslinie, über das Gabriela Oberkofler in dem Interview berichtet.
Gabriela Oberkofler, Lebenslinie Heinrich Vogeler, 2018, und das Vogeler-Gemälde Vorfrühling aus dem Jahr 1907 im Dialog, Foto: © Werner J. Hannappel/Worpsweder Museumsverbund

[anders] gestalten griff diese historische Linie der Barkenhoff-Geschichte auf. Die Südtirolerin Gabriela Oberkofler intervenierte in der ständigen Sammlung und reagierte mit ihren vor Ort entstandenen, feingliedrigen Arbeiten direkt auf die Kunst und die verschiedenen Lebensentwürfe und -visionen Vogelers.

In der vorderen Remise war das Projekt Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben von Antje Schiffers zu sehen. Seit fast zwei Jahrzehnten besucht Schiffers Bauernhöfe weltweit und bietet den Familien einen Tauschhandel an: Die Bauern filmen ihren Lebens- und Arbeitsalltag, während sie ein Porträt des Hofes malt. Neben ihrem Filmarchiv wurden die Ergebnisse des jüngsten Tauschs der Künstlerin mit der Familie Lütjen-Wellner aus dem Teufelsmoor vorgestellt.

Antje Majewski und Paweł Freisler führten in der hinteren Remise ihr 2014 im polnischen Łodz´ begonnenes Langzeitprojekt Der Apfel fort. Der Barkenhoff war die vierte Museumsstation des Projekts, in dessen Zentrum die historische Kulturpflanze Apfel und die Auseinandersetzung mit Fragen der Biodiversität stehen.

Und im Garten des Barkenhoff nahm das mehrteilige Skulpturenprojekt Maisons des Abeilles (Bienenhäuser) von Olaf Nicolai seinen Ausgang und spannte den Bogen zu den anderen drei Museumsstandorten und zur Hörenbergwiese.

Seine Vision war sein Antrieb
Beate C. Arnold im Gespräch mit Gabriela Oberkofler

Die Künstlerin Gabriela Oberkofler arbeitet an einer Wandmalerei in der Heinrich-Vogeler-Dauerausstellung im Barkenhoff Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund
Die Künstlerin Gabriela Oberkofler arbeitet an einer Wandmalerei in der Heinrich-Vogeler-Dauerausstellung im Barkenhoff, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund

Gabriela, ich glaube, du hast einmal gesagt, du seist über Paula Modersohn-Becker zur Kunst gekommen – stimmt das?

Ja, das stimmt. Ich habe in der Mittelschule, ca. in der 7. Klasse, ein Referat über Paula Modersohn-Becker gehalten. Sie, als Person und Künstlerin, und ihr Werk haben mich damals sehr beeindruckt.

War dabei lediglich die Malerin oder auch Worpswede für dich interessant?

Auch Worpswede, ich habe mir damals ein sehr nostalgisches und romantisches, naives Bild von einem Künstlerdorf ausgemalt.

Als du eingeladen wurdest, am Projekt Kaleidoskop Worpswede mitzuwirken, kanntest du Worpswede da schon?

Ich kannte es vom Namen, war aber noch nie dort. Und war dir Heinrich Vogeler, seine Kunst, seine Lebensgeschichte, ein Begriff?

Sehr von der Ferne.

Wie war es dann für dich, als du das erste Mal den Barkenhoff besucht, die sehr unterschiedlichen Werke Vogelers gesehen und mehr von seiner Lebensgeschichte erfahren hast – hat dich etwas besonders fasziniert?

Was mich wirklich fasziniert hat, waren die vielen verschiedenen Lebensabschnitte in seiner Biografie: Mein Eindruck war, einem Menschen zu begegnen, der permanent auf der Suche war und unbedingt einen Denk- und Bildbeitrag zur gesellschaftlichen und politischen Debatte leisten wollte. Auch dachte ich, dass er sehr gut mit Menschen konnte und in der Lage war, immer und immer wieder von neuem anzufangen.

Du hast direkt auf die Werke und die Geschichte Vogelers reagiert, in Worpswede sind für Kaleidoskop viele neue Arbeiten entstanden. Welcher Aspekt seiner Kunst war für dich am spannendsten – die Jugendstilgrafik oder eher die späten Arbeiten? Das Ornament? Die Pflanzen in seinen Bildern? Oder waren es mehr die gesellschaftlichen Brüche, für die der Mensch Vogeler steht, die für dich von Bedeutung waren?

Gabriela Oberkofler, Vogelnest mit Stöckchen, 2018 Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund
Gabriela Oberkofler, Vogelnest mit Stöckchen, 2018, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund

Für mich war es wichtig, die Figur Vogeler als Ganzes zu betrachten. Keinen genannten Aspekt besonders hervorzuheben, sondern seine vielen Begabungen und Tätigkeiten im jeweiligen Kontext zu verstehen. Deshalb sind die entstandenen Zeichnungen auch unterschiedlichen Epochen zuzuordnen. Natürlich haben das Ornament und die Pflanzendarstellungen viel mit meiner Art zu zeichnen zu tun. Das war auch der Grund, warum Jörg van den Berg mich eingeladen hat.

War es dabei wichtig für dich, dass du direkt vor Ort arbeiten konntest, hat dich das inspiriert?

Es war ungemein wichtig, vor Ort zu sein. Nur so konnte ich wirklich eintauchen in die Sammlung der Vogeler-Welt. Nach wie vor denke ich, dass Vogeler ein sehr wacher und wichtiger Zeitgenosse war und einen beeindruckenden Weg gegangen ist, im Gegensatz zu seinen Worpsweder Kollegen, die während der NS-Zeit das Lager wechselten. Auch hat er sich Paula Modersohn-Becker gegenüber sehr loyal und liberal verhalten.

Du arbeitest häufig mit ›Auslassungen‹: Dem Schaf fehlt der Körper, das Haus besteht nur zur Hälfte … – hat das für dich auch mit der Geschichte Vogelers zu tun?

Ja, indirekt. Es hat damit zu tun, dass ich den Ausgang der Geschichte lieber offen lasse. Ich denke, wenn wir als Gesellschaft mehr zulassen könnten, nicht alles planen, kontrollieren und vorhersehen zu wollen, dann müssten wir uns auch nicht an vermeintliche Sicherheiten klammern.

Direkt im ersten Raum in der Barkenhoff-Ausstellung hing Vogelers Lebenslinie – was verbirgt sich dahinter?

Die Zeichnung Lebenslinie Heinrich Vogeler zeigt eine hochgewachsene Pf lanze, die in vier Abschnitte zerteilt ist und auch ihre Blüten und Blattstruktur vier Mal verändert. Es zeigt Vogelers bewegtes Leben, das viele Brüche und unterschiedliche Lebensabschnitte aufweist.

Unter eine Reihe von Radierungen Vogelers hast du eine Wandmalerei gesetzt – Blätter, Zweige, Blüten… Für mein Empfinden hast du Vogelers ›Rahmen gesprengt‹ und alles aus der strengen Einfassung der Jugendstilgrafiken herausgelöst – war das die Idee?

Ja, genau, das war die Idee. Ich denke, die Jugendstil-Zeit war in ihrer Ausdrucksform sehr eingeschränkt und limitiert und immer mit vielen stilistischen Vorgaben unterwandert. Diese wollte ich sprengen und auflösen.

Die Ausstellungsansicht zeigt eine Wandmalerei von Gabriela Oberkofler.
Gabriela Oberkofler, Erwartung, 2018 (Wandmalerei) zu fünf Radierungen von Heinrich Vogeler aus den Jahren 1896 bis 1910 (Detail), Foto: © Werner J. Hannappel/Worpsweder Museumsverbund

In einem weiteren Raum des Barkenhoff hast du die Motive der Jugendstil-Tapeten und Schablonierungen Vogelers in einer Wandmalerei aufgegriffen und ›aufgelöst‹ – die Rosen bekamen Dornen, Zweige wurden gebrochen – was hat dich daran gereizt?

Hier ging es darum, das Tapetenvlies fortzusetzen. Aber es so zu tun, dass das Heute und die Zeit auch daran abzulesen sind, dass meine Ausdrucksform und Vogelers Handschrift sich treffen. Die Auf lösung an sich empfinde ich als sehr befreiend. Ich mag die Leere, die entsteht. Irgendwann entsteht dann etwas Neues, etwas Unvorhergesehenes.

Auch das Thema des Zaunes spielte in den Arbeiten eine Rolle. So gab es eine Wandmalerei, die den Gartenzaun des Barkenhoff zeigt, einen Zaun aus Zweigen in einer Vitrine oder auch die Zeichnungen Worpsweder Zäune. Mich hat das daran erinnert, dass Rainer Maria Rilke schon früh über eine Begrenztheit und Enge der Welt Vogelers sprach, aus der Idylle wurde in seinen Augen ein ›Gefängnis‹. Spielt dieser Gedanke in deinen Arbeiten eine Rolle?

Ich meine zu verstehen, was Rainer Maria Rilke meinte, andererseits möchte ich das Werk Vogelers auch immer im Kontext sehen. Und ja, es mag sein, dass die Idylle auf dem Land, auf dem Barkenhoff irgendwann zum Gefängnis wurde – aber was man Vogeler nun wirklich nicht vorwerfen kann, ist, dass er stehengeblieben ist und sich geweigert hat, sich weiter zu entwickeln. Alles, was danach kam, bezeugt das. Was meine Zäune anbelangt, so meinte ich eher die heutigen Gedanken-Zäune in unseren gesellschaftlichen Debatten.

Die Aquarellzeichnung wird im Interview mit Gabriela Oberkofler beschrieben.
Gabriela Oberkofler, Zöpfe, 2018, Aquarell auf Papier, 50 x 60 cm

Welche Bedeutung haben die Zeichnungen Zöpfe und Vision?

Die Zeichnung Zöpfe zeigt die Zöpfe von Martha Vogeler. Als ich im Haus im Schluh war und die Urenkelinnen Martha und Heinrich Vogelers kennengelernt habe, dachte ich, die Zöpfe haben keinen Anfang und kein Ende. Die Geschichte wird ewig weitergesponnen, im wahrsten Sinne des Wortes. Vision bezieht sich auf eine Arbeit Vogelers, die auch in der Ausstellung im Barkenhoff hing. Sie zeigt die Vision in Form eines Objektes mit einem Haken, das man mitnehmen kann und immer wieder woanders und in einem anderen Kontext, an einer anderen Wand, in einem anderen Haus aufhängen kann. Denn ich hatte oft den Eindruck, Vogeler trug seine Vision, egal was er tat, immer mit sich herum. Ich würde sagen: Seine Vision war sein Antrieb.

Die originäre inhaltliche Verbindung des Barkenhoff und des Haus im Schluh wurde in den Ausstellungen konkret durch deinen Tränenteppich sichtbar. Welche Idee steckt hinter der Zeichnung, die im Haus im Schluh gezeigt und von der Weberin Anette Alt gewebt wurde?

Der Tränenteppich hat etwas mit einem Trauerprozess zu tun. Viele Tränen (Maschen) werden geweint. Anfangs noch ganz dunkelblau, werden sie immer blasser, denn auch die Trauer lässt nach. So hat auch das Weben oder Stricken für mich dieses Prozesshafte.

Ist Heinrich Vogeler für dich ein Visionär und auch heute noch aktuell?

Sehr aktuell. Wir brauchen Menschen mit einem großen humanistischen Weltbild wie Heinrich Vogeler es hatte, angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatte mehr denn je.



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