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Interview mit Axel Sowa

Axel Sowa leitet seit 2007 das Lehr- und Forschungsinstitut für Architekturtheorie an der RWTH Aachen und zählt zu den renommiertesten Architekturtheoretikern in Deutschland. Im Rahmen von »Kaleidoskop Worpswede« luden die Worpsweder Museen Prof. Sowa und seine Studierenden ein erstes Mal ins Künstlerdorf ein: Eine Kooperation mit nachhaltiger Strahlkraft, die mittlerweile auch in den Künstlerhäusern Früchte trägt.

Ausstellungsansicht in der Worpsweder Kunsthalle
Erfinderische Analysen, Der Ausstellungsbeitrag der Studierenden der Architekturtheorie an der RWTH Aachen zu »Kaleidoskop Worpswede« in der Worpsweder Kunsthalle, Foto: © Werner Hannappel/Worpsweder Museumsverbund

Erfinderische Analysen

Fünf Fragen von Jörg van den Berg an Axel Sowa

Als wir dich anfragten, mit deinen Studierenden nach Worpswede zu kommen, um an unserem Projekt mitzuarbeiten, hatten wir im Hinterkopf, dass ihr uns Ideen für ein zukunftsfähiges ›Künstlerdorf‹ erarbeiten würdet. Also so eine Art Vision für eine Dorfentwicklung. In einem langen Telefonat dann, hast du mich mit einer ganz anderen Einstiegsidee überrascht, nämlich der Absicht, die Studierenden das ideale Atelier entwerfen zu lassen. Woher kam dieser Gedanke?

Kunst und Leben miteinander zu verbinden, ist ein alter Menschheitstraum. Künstlerinnen und Künstler machen vor, wie das gehen kann. Die Nutzungsweise ihrer Ateliers ist vielfältig. Ateliers sind weder reine Produktionsstätten noch eignen sie sich für konventionelle Alltagsrituale. Sie stehen quer zu den funktionalen und sozialen Einteilungen bürgerlicher Lebenswelten, in denen Arbeits- von Wohnstätten sorgsam voneinander getrennt werden. Doch selbst radikal funktionalistisch denkenden Architekten ist der Charme des Ateliers nicht ganz entgangen. Bei Le Corbusier wird aus dem Künstleratelier mit zweigeschossigem Luftraum die reproduzierbare Standardlösung für das Wohnen im ersten Maschinenzeitalter.

Vorbereitungen für das Leben im modernen Atelier werden in Künstlerdörfern wie Worpswede getroffen, wo Freiräume kreativ genutzt werden und erstaunliche Gebäude wie der Barkenhoff entstehen. Auf unserer Suche nach dem idealen Atelier sind wir auf die Beziehung von Kunst und Kunsthandwerk gestoßen, die in Worpswede auch heute noch eine Rolle spielt. In zeitgenössischer Perspektive wäre das ideale Atelier ein utopischer Ort, an dem alte und neue Techniken in künstlerischen Experimenten neu miteinander verbunden werden.

Die Methode mit der ihr dann bei eurem ersten Aufenthalt in den Künstlerhäusern Worpswede gearbeitet habt, nennst du ›erfinderische Analysen‹. Kannst du kurz erklären, was du darunter verstehst? Wie seid ihr vorgegangen?

Studierende der Architekturtheorie an der RWTH Aachen mit ihrem Universitätsprofessor Axel Sowa in der Ausstellungssektion »[anders] leben« in der Worpsweder Kunsthalle Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund
Studierende der Architekturtheorie an der RWTH Aachen mit ihrem Universitätsprofessor Axel Sowa in der Ausstellungssektion »[anders] leben« in der Worpsweder Kunsthalle Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund

Der französische Landschaftsarchitekt Bernard Lassus hat den Begriff geprägt. In der ›erfinderischen Analyse‹ soll die künstliche Trennung von Recherche und Intervention überwunden werden. Angeleitet durch einen Anfangsverdacht, eine erste Fragestellung und vor allem durch die eigene Neugier beginnen die Studierenden mit ihrer investigativen Analyse. Sie machen Entdeckungen und eignen sich Wissen über den Ort an. Im besten Fall kommen sie Dingen auf die Spur, aus denen sich Erzählungen oder Szenarien entwickeln lassen. Dabei sollte der fiktionale Ausbau der Geschichten nicht beliebig sein, sondern stets mit dem Ort verbunden bleiben.

Ihr wart ja dann mehrmals für einige Tage vor Ort und vor allem im Ort. Aus dieser Bewegung der Aachener Studierenden ist eines der schönsten Bilder entstanden, die ich mit unserem Kaleidoskop-Projekt verbinde, nämlich eine Fahrt durch Worpswede, bei der ich immer wieder auf einzelne Studierende oder kleine Gruppen gestoßen bin, die an eigenartigen Orten standen, schauten, zeichneten, fotografierten, diskutierten. Hast du auch ein solches Bild im Kopf, das du mitnimmst?

Im Rahmen der großen Jubiläumsausstellung konnten die Studierenden ihre Arbeiten in der Worpsweder Kunsthalle einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. Das war eine außergewöhnliche Gelegenheit, die alle Beteiligten enorm beflügelt hat. Susanna Böhme-Netzel hat den gesamten Prozess mit großem Entgegenkommen befördert und uns sehr freundlich in ihrem Haus aufgenommen. Was mir bildhaft in Erinnerung bleibt, sind die zufriedenen Gesichter der Studierenden am Tag der Vernissage.

Nach den Entwürfen zum idealen Atelier, habt ihr euren Fokus nochmals verschoben und im folgenden Semester eine Form der Spaziergangswissenschaft betrieben, aus der dann die von euch sogenannten Worpsweder Nebenwege entstanden sind. Was habt ihr da genau gemacht?

Spaziergangswissenschaft bedeutet für uns die Erzeugung einer Differenz: Jenseits der stark frequentierten Wege haben die Studierenden Nebenwege gesucht und dabei Sonderbarkeiten gefunden, die nicht zu den touristischen Klischees passen. Auf Nebenwegen entstanden Untersuchungen zu lokalen Geräuschkulissen, zum Baumaterial Backstein oder zu den beliebten Orten der Dorfjugend. Nur auf Nebenwegen, so unsere Vermutung, kann es gelingen, den ›Mythos Worpswede‹ einer Revision zu unterziehen, um neue Erzählungen vorzubereiten.

Abschließend möchte ich dich fragen, wie du Worpswede wahrnimmst. Offensichtlich hast du eine ganz eigene Verbindung zu dem Ort aufgebaut, denn seit Kaleidoskop kommst du immer wieder mit neuen Studierenden und neuen Projekten in die Künstlerhäuser. Aktuell arbeitet ihr an Ideen für die Überarbeitung der Häuser. Was macht Worpswede für dich so spannend?

In der Architekturtheorie wurde viel über den ›Genius‹ von Orten nachgedacht. Mit ›Genius‹ eines Ortes sind lokale Phänomene gemeint, die über große Zeiträume hinweg wahrnehmbar bleiben. Aber was ist es, das einen Ort in diesem Sinn ausmacht? Ist es seine Topografie? Seine Vegetation? Die Art seiner Bebauung? Oder womöglich die Mentalität der Anwohner? All diese Beschreibungsversuche sagen viel über die Beschreibenden aus. Heimat- oder kunstgeschichtliche Beschreibungen unterscheiden sich von denen der Investoren und Bauunternehmer. Auch mir gelingt nur eine partielle Beschreibung des Ortes. In Worpswede achte ich auf Bäume, Sträucher, Grundstücksgrößen, Wege, Straßenbeläge oder darauf, wie der Regen von den Dächern rinnt. Bei jedem Besuch bin ich erstaunt, dass mich der Ort nie langweilt. Das habe ich gewiss den wunderbaren Worpswedern zu verdanken, die mir immer wieder Anlässe zu neuen Ortsbeschreibungen bieten.

Und es liegt sicher auch an den Worpsweder Künstlerhäusern. Ich liebe ihre spöde Schönheit, der wir derzeit mit einer neuen Studierendengruppe auf den Grund gehen. Wir schauen uns die Konstruktion der Häuser genau an und gelangen dabei zu den Baugedanken der späten sechziger Jahre. Die Künstlerhäuser sind zwar in die Jahre gekommen, doch wer sich die Bauten aufmerksam anschaut, wird sich ihrem Reiz kaum verschließen können. Die Studierenden entwickeln gerade Vorschläge zum behutsamen Umbau der Künstlerhäuser und scheinen bei der Bearbeitung der Aufgabe über sich hinauszuwachsen. Da ich dieses erfreuliche Phänomen nun schon öfter erleben durfte, würde ich behaupten: das hat mit dem Genius von Worpswede zu tun.

Axel Sowa ist Professor für Architekturtheorie an der RWTH Aachen.

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