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BLOG FRIDAY mit Nikola Röthemeyer

Paula Modersohn-Becker Kunstpreis 2020: Nominiert in der Kategorie Hauptpreis

Nikola Röthemeyer erschafft in ihren Zeichnungen geheimnisvolle Traumwelten.
Nikola Röthemeyer, Room No 1 (Wolf), 2018, Graphit und Farbstift auf Papier, 76 x 56 cm

Nikola Röthemeyer (*1972 in Braunschweig) ist bekannt für ihre fragilen, zarten Zeichnungen mit dicht gesetzten Strichen. 2018 hat sie mit der Serie Schwarmfänger begonnen, die Zeichnung in den Raum zu übersetzen. Bei der Vorbereitung der Kunstpreis-Ausstellung hat sich die Künstlerin intensiv mit der Bildsprache Heinrich Vogelers auseinandergesetzt. Der Universalkünstler war u. a. als Grafiker für seine Illustrationen der Märchen der Gebrüder Grimm berühmt.

Vogelers Märchenwelten spiegeln sich in den inneren Welten Röthemeyers wider. Beide Künstler*innen verbinden Motive wie Tiere und Fabelwesen. Insbesondere der Vogel ist ein zentrales Motiv. Eine weitere Parallele ist die Figur der Frau als Protagonistin: Während Vogeler seine Martha zur Hauptfigur in seinen Traumwelten macht, sind bei Röthemeyer Frauen im Allgemeinen die Schöpferinnen einer Welt, in der sie geheimnisvollen Tätigkeiten nachgehen. Weitere Gemeinsamkeiten in der Zeichnung sind eine flächige Arbeitsweise, die Reduktion auf wenige Farben, eine Betonung der Umrisslinien, die Verfremdung von Raum und Distanz sowie die Vorliebe für Muster und Ornamente.

Interview mit Nikola Röthemeyer

Im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen haben Sie sich intensiv mit Heinrich Vogeler auseinandergesetzt und einige Parallelen zu Ihrem Werk gefunden. Was verbindet Sie mit Vogeler?
Installationsansicht im Barkenhoff. Nikola Röthemeyer hat für die Austellung extra ein neues Werk geschaffen.
Nikola Röthemeyer, Barkenhoff I (Das Konzert), Installationsansicht im Barkenhoff, Foto: © Jörg Sarbach/Worpsweder Museumsverbund

Mit Heinrich Vogeler verbinden mich gemeinsame Bilderwelten, Motive, Themen, Stil- und Ausdrucksmittel und teilweise vergleichbare Arbeitsweisen, alles um hundert Jahre verschoben. Es fasziniert mich, im Rahmen meiner Recherchen Schicht für Schicht eine Seelenverwandtschaft freizulegen, die am deutlichsten in seinen grafischen Blättern erkennbar wird. Für mich sind seine Werke märchenhafte, innere Landschaften, in die er sein Leben und seine Wirklichkeit legt und uns damit ganz nebenbei in die Randbezirke der Normalität führt. Er erzählt uns anhand von Sagen, Märchen und Mythen seine eigene Lebenswelt, ohne zu illustrieren. Diese Grenzgänge zwischen privater Projektion und einem gemeingültigen Bezugssystem von Bildern interessiert mich.

Auf mich wirken Vogelers Verschiebungen aus der Realität besonders stark, da sie, ähnlich wie die Erzählungen von Jorge Luis Borges oder Haruki Murakami, konkrete Bezüge zum Leben spürbar machen. Auch das Motiv der weiblichen Figur, die auf seltsame Weise mit Tieren und insbesondere mit Vögeln in Verbindung steht, beschäftigt mich, obwohl Vogelers »femme fragile« grundsätzlich konträr zu meinem Frauenbild steht. Stilistisch verbindet uns die im Jugendstil typische und im japanischen Farbholzschnitt verwurzelte Verfremdung von Raum und Distanz, die Betonung der Umrisslinien, die flächige Arbeitsweise, die Reduktion auf wenige Farben und die Freude am Muster und Ornament.

Für das Oktogon im Barkenhoff haben Sie eine neue Arbeit geschaffen, die gleichzeitig eine Brücke zur Ausstellung in der Großen Kunstschau schlägt. Worum geht es, und warum haben Sie für diese Arbeit eine Harpyie als Motiv gewählt?
In der Serie Frauenzimmer gehen Frauen mysteriösen Tätigkeiten nach.
Nikola Röthemeyer, FrauenZimmer No 44, (Fadenspiel), 2011, Graphit und Farbstift auf Papier, 40 x 31 cm

Die Brücke zur Ausstellung in der Großen Kunstschau ist Vogelers Gemälde Sommerabend, das ein Konzert auf der Terrasse des Barkenhoff zeigt. Ich habe eine skulpturale Übersetzung dieser Arbeit entwickelt, in der acht Harpyien mit den Portraits von Paula Modersohn-Becker und Heinrich Vogeler stellvertretend für die acht Protagonist*innen der Arbeit stehen. Dabei interessieren mich die Figuren mit ihren jeweiligen Begrenzungen – zwischenmenschlich, zeitlich, biografisch, politisch, monetär, historisch und emotional – die im Sommerabend so massiv wirken und gnadenlos unsere eigenen Begrenzungen widerspiegeln. Der heterogene und intime Ausstellungsraum im Oktogon des Barkenhoff schließt mit der besonderen Bedeutung der Zahl Acht in Mythen, Sagen und Märchen nahtlos an die Bilderwelt Vogelers an.

Der Turm der Winde in Athen ist das erste Bauwerk mit einem achteckigen Grundriss, wobei die Sturmwinde in der griechischen Mythologie auch durch Harpyien verkörpert werden. Die geflügelten Mischwesen in Vogelgestalt mit Frauenkopf sind in den früheren Erzählungen unverwundbare, schöne Frauen mit Vogelflügeln, später hässliche, hellhaarige Dämonen. Die Ambivalenz dieser Figur ist, über die Bedeutung ornithologischer Motive in Vogelers Werk hinaus, ausschlaggebend für meine Motivwahl. Der schwarze Flügel, der im Oktogon prominent die Raumsituation gestaltet, wird als Bühne für die Harpyiengruppe in die Raumnarration einbezogen, einen assoziativen Raum von Wort und Klang eröffnend und das in Vogelers Werk immer wiederkehrende Motiv des musikalisch untermalten Beziehungslebens zitierend.

Mit der Serie Schwärmfänger begann Nikola Röthemeyer die Zeichnung in den Raum zu übersetzen.
Nikola Röthemeyer, Schwarmfänger 1 (Flugfische), 2018, Draht, Nylonfaden, Fotokarton, Origamipapier, ca. 180 x 200 x 160 cm, Installations- und Ausstellungsansicht Salzburger Kunstverein, 2018, Foto: © Andrew Phelps
Sie sind eigentlich reine Zeichnerin. Seit einiger Zeit beschäftigen Sie sich jedoch mit der Frage, wie Sie die Zeichnung in den Raum dreidimensional übersetzen können. 2018 haben Sie die Serie Schwarmfänger begonnen. Wie ist Ihnen die Übersetzung der Zeichnungen gelungen?

Vor zwei Jahren habe ich in Kooperation mit meiner Schwester, der Landschaftsarchitektin Annika Sailer, eine Ausstellung in der Ringgalerie des Salzburger Kunstvereins realisiert. Aufgrund der Größe und Heterogenität des Ausstellungsraumes entschieden wir uns für einen installativen und situationsbezogenen Ausstellungsansatz. Diese Arbeit war der Auftakt meiner Schwarmfänger-Serie und der Beginn einer Übersetzung der Zeichnung in den Raum. Der fast unsichtbare Faden und der sperrige, anthrazitfarbene Draht sind Übersetzung der Linie aus Graphit. Das Papier entwickelt sich vom Zeichengrund über einfache Faltungen in einen dreidimensionalen Körper.

Die Schwarmfänger stehen in assoziativem Zusammenhang mit dem »Traumfänger«, einem indianischen Kultobjekt, das aus einem Netz in einem Weidenreifen besteht, der mit persönlichen bzw. heiligen Gegenständen dekoriert wird. Der Traumfänger soll den Schlaf verbessern, da die guten Träume durch das Netz gehen und die schlechten im Netz hängen bleiben und durch die Morgensonne neutralisiert werden. Ein Bild, das für mich den Kreis zu den Traumwelten Heinrich Vogelers schließt.

Unter dem Atrium im Oktogon schwärmen Stare mit den Profilen von Paula Modersohn-Becker und Heinrich Vogeler. Wofür steht diese Arbeit?

Das Atrium des Oktogons gibt den Blick zum Himmel frei und stellt eine Verbindung zum Außenraum dar. In diesem Zwischenraum treffen die Besucher*innen auf eine Wolke schwarzer Vögel mit den Profilen Paula Modersohn-Beckers und Heinrich Vogelers. Das Bild der Vogelwolke ist meinem Zeichenvokabular entlehnt und zitiert die gewaltigen Murmurationen schwärmender Stare, die den Menschen faszinieren und zugleich schrecken.

Das Bild der begehbaren Voliere und ihr Kompromiss der Freiheit ist dabei ebenso ambivalent wie das mythologische Bild der Vogelfrau selbst. Die Suche nach einer authentischen, künstlerischen Position, die in den Biografien und Werken beider Künstler*innen Brüche und Widersprüche aufweist, war für meine Raumzeichnung ausschlaggebend.

Du möchtest mehr Einblicke in die Ausstellung zum Paula Modersohn-Becker Kunstpreis 2020 bekommen? Die Online-Kuratorenführung gibt es demnächst auf unserem YouTube-Kanal.

Einführungstext und Interview: Gesa Jürß, Worpsweder Museumsverbund

Für die Arbeiten von Nikola Röthemeyer gilt: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020.

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